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07. Februar 2021

Ein Meilenstein in der Überlieferung der Engadiner Volksmusik

Zum Erscheinen des Buches
«Las melodias dals randulins / Pioniere der Engadiner Volksmusik»

Ausgehend vom Nachlass seines Vaters Anton Erni (1913-1980) veröffentlichte Jachen Erni (*1946) aus Scuol  Ende 2020 sein wunderbares Buch der Engadiner Volksmusik des 19. und 20. Jahrhunderts. Jachen Erni, Anna Miller und Markus Brühlmeier gelang ein prächtig gestaltetes Werk, das früher oder später als Lexikon der Engadiner Volksmusik des 19. und 20. Jahrhunderts gelten wird. Das gebundene Buch ist mit einem Notenheft, einer CD und einer Musikertabelle ergänzt. Die Fülle der überlieferten Ereignisse und Daten und deren Erhalt für die Nachwelt sind von unschätzbarem Wert. Das Buch ist ebenso äusserst lesenswert und unterhaltsam so wie reich bebildert.

 

Im ersten Teil, der in Romanisch und Deutsch abgedruckt ist, taucht die Journalistin Anna Miller mit uns in das musikgeprägte Leben des Anton Erni und die unzähligen Geschichten rund um die Engadiner Musikszene des 20. Jahrhunderts ein. Der Text und die vielen Fotos lassen auch die bewegte Geschichte der Familienkapelle «Chapella Erni» miterleben. Diese hat auch die beigelegte CD mit 26 Tänzen aus der Sammlung des Rinaldo Franci aus Siena aufgenommen. Wer Lust verspürt, diese Musik, die die enge Verbindung zwischen Norditalien und dem Engadin belegt, selbst zu spielen, findet das ganze Notenbuch 3-stimmig arrangiert im Anhang.

 

Der zweite Teil stellt viele alte Handschriften von Engadiner Tänzen im Detail vor. Hier entsteht auch eine ausführliche Musikgeschichte von der Fränzli- und der Sepplimusik bis zum Zeitpunkt um etwa 1970, als Volksmusik immer weniger zum Tanz, dafür konzertant aufgeführt wurde. Die enge Verbindung zwischen der Musik im Engadin und in Norditalien wird deutlich. Einmal mehr zeigt sich, dass Begriffe wie „Schweizer Volksmusik“, „Engadiner Volksmusik“ oder „Appenzellermusik“ viel zu kurz greifen. Volksmusik ist immer gewandert und hat in manchem Tal spezielle Formen ausgeprägt, die mehr oder weniger gut überliefert wurden und die nur kurz oder bis heute überlebt haben. Durch die klare geografische Begrenzung des Engadins lässt sich einfacher eine musikalische Geschichte erzählen als etwa in den offenen Regionen des Mittellandes. Die Reise der Engadiner Tänze nach Siena und der Arrangements von Rinaldo Franci zurück ins Engadin ist ein historisch belegtes Beispiel vom Reisen der Melodien oder eben von den „Randulins“. Natürlich wurde nicht erst seit 1800 musiziert – schade also, dass die Quellenlage in der Schweizer Volksmusik vor 1800 ganz dünn ist, und Schriften wie dieses Buch nicht schon früher entstanden sind. So sind Bilder in Kirchen oder etwa die Manuskripte des Bündner Pfarrers Heinrich Bansi Hinweise, wie Tanzmusik gepflegt wurde. Melodien oder Tanzrhythmen sind dagegen fast ganz verschollen. Insofern ist der Wert von «Las melodias dals randulins» für uns und unsere Nachkommen von sehr grossem Wert. Herzlichen Dank dafür Jachen Erni und allen Mitstreitern!

1980, also 40 Jahre zuvor, ist in Appenzell Innerrhoden ein vergleichbares Werk erschienen, «Heementklang us Innerrhode» von Johann Manser. Sein immenses Wissen über die Musikkultur seiner Heimat wurde damit für die Nachwelt gesichert und sein Buch wurde zum wertvollen Lexikon der Appenzeller Volksmusik. Es ist vergriffen, kann jedoch antiquarisch gefunden werden.